26.07.2010

Finanzkrise trifft auch Haustiere

Von Überfüllung bis rückläufiger Spendenbereitschaft: Viele ostbayerische Tierheime kämpfen derzeit mit Problemen
(Bericht aus der PNP)

Von
Sebastian Fleischmann


Deggendorf/Passau. Heike Vornehm seufzt leise. „Es ist hoffnungslos, wir wissen weder ein noch aus“, sagt die Vorsitzende des Tierschutzvereins Deggendorf über die Situation im Tierheim Wangering bei Grattersdorf (Lkr. Deggendorf). Mit 50 Hunden und 70 Katzen, die dort aktuell untergebracht sind, ist die Kapazitätsgrenze eigentlich erreicht. 16 Katzen seien zusätzlich bei Tierärzten untergekommen, weitere 15 bis 20, so schätzt Vornehm, bei Mitgliedern des Tierschutzvereins. „Wir brauchen dringend mehr Pflegestellen, zum Beispiel auf Bauernhöfen“, verdeutlicht sie.

Mit ihrer Situationsbeschreibung bestätigt Vornehm eine Umfrage des Deutschen Tierschutzbundes unter 514 angeschlossenen Einrichtungen in ganz Deutschland. Die gravierendsten Probleme demnach: Die Tierheime sind überfüllt, es dauert im Schnitt immer länger, bis die Tiere an neue Besitzer vermittelt werden können, und die Finanzierung der Tierheime wird schwieriger, weil die Spendenbereitschaft abnimmt.

93 600 Tiere warten deutschlandweit laut Umfrage aktuell auf ein neues Zuhause. Allein zwischen 2006 und 2009 hat der Tierbestand in den Heimen demnach im Schnitt um rund 39 Prozent zugenommen. Als Hauptgründe, warum Haustierhalter ihre „Lieblinge“ bei ihnen abgeben würden, nannten die befragten Tierheim-Mitarbeiter finanzielle Probleme und Arbeitslosigkeit. Auch die Haustiere bekommen also die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu spüren.

Wie das Tierheim Wangering treffen diese Umstände auch andere ostbayerische Tierheime. Diese seien zwar zu dieser Jahreszeit quasi „traditionell“ gut gefüllt, erklären Mitarbeiter mehrerer Tierheime gegenüber der PNP - zum einen, da viele Katzen vor kurzem ihren Nachwuchs bekommen hätten, zum anderen, da die Urlaubssaison bereits begonnen habe. Einige vermuten aber tatsächlich, dass auch die Wirtschafts- und Finanzkrise dazu beiträgt.

So auch Heike Vornehm vom Tierschutzverein Deggendorf: „Wird eine Katze krank, haben viele kein Geld mehr für den Tierarzt“, nennt sie ein Beispiel. Derzeit grassiere unter Katzen etwa ein Darmgrippe-Virus. Dazu komme oft Bequemlichkeit, weswegen viele Haustierbesitzer ihre erkrankten einstigen Lieblinge abgeben wollten und so mit für überfüllte Tierheime verantwortlich seien.

„Volles Haus“ vermeldet auch Sonja Eisner, Mitarbeiterin im Tierheim Wollaberg bei Jandelsbrunn (Lkr. Freyung-Grafenau). 140 Katzen residieren laut Eisner aktuell dort, hinzu kommen rund 25 Hunde sowie einige Kleintiere. Auch Eisner vermutet, dass in vielen Fällen finanzielle Gründe hinter den hohen Belegzahlen stecken könnten: „Viele holen sich eine junge Katze, lassen diese dann aber nicht kastrieren.“ Der Eingriff beim Tierarzt sei vielen mit 80 bis 100 Euro offenbar zu teuer. Das führe wiederum dazu, dass sich vor allem im ländlichen Raum die Katzen stark vermehrten.

Vermittlung wird schwieriger

Das zweite Problem, das die Umfrage des Tierschutzbundes offenbart: Es sei immer schwieriger, die Tiere schnell zu vermitteln, im Schnitt seien sie so immer länger in den Heimen untergebracht. Auf elf Prozent beziffert die Mitteilung des Tierschutzbundes den Rückgang der Vermittlungszahlen zwischen 2006 und 2009.

Diese Tendenz bestätigt unter anderem Gerda Machowetz, Vorsitzende der Tierschutzbewegung Ostbayern, zu der das Tierheim Passau-Ingling gehört. Mit 33 Hunden und 55 Katzen sind auch hier die Kapazitäten ausgereizt. Statt noch wie vor wenigen Jahren 400 seien es zuletzt nur noch etwa jährlich 300 Tiere im Schnitt, die an neue Besitzer gebracht werden könnten. Dafür macht sie auch das Internet verantwortlich. Dort sei es heutzutage einfacher, an ein Haustier zu kommen. Vor allem ältere Tiere zu vermitteln, sei so zunehmend schwierig.

Dieses Problem kennt auch Felix Richter, Vorsitzender des Tierschutzvereins Burghausen, zu dem das Tierheim „Arche Noah“ in Raitenhaslach gehört. Die achtjährige Deutsche Schäferhündin Leika ist zum Beispiel mittlerweile seit fast sechs Jahren dort untergebracht, ein neuer Besitzer hat sich seitdem nicht für sie gefunden. Zwar sei eine vermehrte Abgabe von Tieren in der „Arche Noah“ aufgrund finanzieller Schwierigkeiten der Halter bedingt durch die Wirtschaftskrise nicht festzustellen, die Problematik rückläufiger Spenden ist Richter aber wohlbekannt. Vor allem das vergangene Jahr schlug negativ zu Buche: Lag das Spendenaufkommen in den drei Vorjahren stets zwischen 15 400 und 17 000 Euro, erhielt die „Arche Noah“ 2009 nur noch 9600 Euro aus Spenden. Wie andere Tierschutzvereins- Vorsitzende schildert auch Richter, dass es zudem immer schwieriger werde, neue Mitglieder zu werben. Die Mitgliedsbeiträge sind ebenfalls eine wichtige Finanzierungssäule der Tierheime.

Und auch 2010 läuft für viele Tierheime diesbezüglich nicht besser: Heike Vornehm vom Tierheim Wangering beziffert den Rückgang der Spenden im ersten Halbjahr 2010 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 20 Prozent.

Kommunen stärker in Pflicht nehmen

Die zunehmend schwierige Finanzsituation hat auch den Landesverband Bayern des Deutschen Tierschutzbundes auf den Plan gerufen: Für seine 72 Tierheime fordert er mehr öffentliches Geld. Die wegen der Finanzkrise geringere Spendenbereitschaft sowie teure gesetzliche Vorgaben würden für die Heime zum Problem, teilt der Verband mit und stellt sich hinter den Präsidenten des Deutschen Tierschutzbundes, Wolfgang Apel. Dieser hatte in einem offenen Brief an Kommunalpolitiker mehr Geld für den Tierschutz gefordert.

Kommunen übernähmen durchschnittlich 25 Prozent der im Tierheim anfallenden Kosten, riefen aber knapp 80 Prozent der Leistungen ab, hatte Apel kürzlich bemängelt. Zudem würden immer mehr Lasten als Folge der Gesetzgebung auf den karitativen Tierschutz abgeschoben. Eine bundesweite Lösung ist nach Auffassung des Tierschutzbundes unbedingt erforderlich. - pnp/epd/lby

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